Allmächtige Wissenschaft - wie die Pop-Kultur den Corona-Schwurbler*innen hilft

Lockdown und ein Streaming-Account sind die besten Voraussetzungen, um Pop-Kultur zu (über)analysieren. Michael Kick meint sogar darin einen Grund gefunden zu haben, warum die Corona-Schwurbler*innen mit der Wissenschaft so ganz über Kreuz liegen.

 

Das Wort des Jahres 2020 lautet “Corona-Pandemie” und damit hat der offensichtlichste Kandidat gewonnen. Das Jahr 2020 war aber auch das Jahr der Virolog*innen, die sich als Wissenschaftler*innen im ungewohnten Rampenlicht der Öffentlichkeit wiederfanden. Kekulé, Streeck, Drosten, Ciesek und Andere erfreuten sich mehr oder weniger freudig größerer Aufmerksamkeit als die Bundesliga.

 

Mit den Wissenschaftler*innen rückte auch die Wissenschaft in ein neues Rampenlicht. Mit neuen und teilweise widersprüchlichen Erkenntnissen zum neuartigen Virus konnte man sehen, dass die Meinung einer*s einzelnen Forscher*in oftmals nicht viel bedeutet, der Konsens einer Fachcommunity aber umso machtvoller ist. Es zeigte uns auch auf, wie wichtig guter Wissenschaftsjournalismus ist, der uns Laien erklärt was Sache ist – ohne zu verkürzen und zu verzerren.

Während Viele in den letzten Monaten einiges über die wissenschaftliche Praxis lernen konnten und noch dazu erstaunlich trittsicher mit virologischen Fachbegriffen von R-Werten bis RNA-Impfstoffen sind, gibt es auch jene, die vor lauter Überforderung aufgegeben haben. Vor Komplexität flüchtet sich am besten in die Welt von Xavier Naidoo und Michael Wendler, die einfach verständliche Erklärungen bieten und somit wieder ein Gefühl von Kontrolle zurückgeben (soweit zumindest die küchenpsychologische Erklärung).

 

Wer Verschwörungstheorien als Anti-Wissenschaft beschreibt, könnte aber nicht falscher liegen. Es handelt sich vielmehr um Wissenschaft auf Speed oder Steroide, Pseudo-Wissenschaft in Reinform, die „neue“ Erkenntnisse präsentiert und viel Aufwand betreibt, diese aus vermeintlichen Quellen zu stricken. Wer auch immer diese verborgene Wahrheit sieht, darf sich noch einmal fühlen wie Galileo im Mittelalter. Die alte Wissenschaft ist korrupt und falsch – man selbst hält den einzig wahren Rationalismus hoch und ist gleichsam Vorreiter*in einer neuen Aufklärung.

 

Ich habe meine Quarantäne-Zeit mit viel Filmen, Büchern und Serien verbracht und musste feststellen, dass das was dort oftmals gezeigt wird, leicht als Vorlage für die Pseudo-Wissenschaften der Corona-Schwurbler*innen dienen kann. Denn gerade dann bietet es Drama, was einer*m Drehbuchautor*in eben gelegen kommt. Die gängigsten Tropes habe ich für euch hier aufgeschrieben.

 

 

  1. Der einsame Durchbruch

 

Es ist wohl der Urtypus an Wissenschaftler, der einem in den Sinn kommt: Dr. Emmett L. Brown aus „Zurück in die Zukunft“. Etwas verwirrt, etwas verrückt, ständig im weißen Laborkittel und die Frisur wie Einstein an bad-hair-Tagen. In seinem Labor tummeln sich neuartige Geräte und Technologien, die jede für sich einen kompletten Durchbruch in einem jeweils anderen Feld darstellen würden. In dieser Welt sind nämlich Forscher*innen auch stets hervorragende Ingenieure. Genauso ist es um Tony Stark, dem Iron Man, bestellt. Der bastelt sich nicht nur die passenden Gadgets und Waffen zurecht, sondern entdeckt gleichzeitig all die naturwissenschaftlichen Phänomene, die zur Umsetzung nötig sind. Die Vorstellung, dass die Arbeit eines einzigen Menschen in ein paar Tagen Bastelarbeit die jahrelange Arbeit von mehreren Hunderten, im Team arbeitenden und weltweit vernetzten Wissenschaftler*innen überflügelt, kommt wohl auch von unserer Vorstellung von „Genies“. Aber selbst Einzelgänge wie Einsteins Relativitätstheorie konnten auf massive Vorarbeit anderer, weniger bekannter Wissenschaftler*innen setzen.

 

 

Die Vorstellung ist problematisch, denn wenn man annimmt, dass zahlreiche Forschungs-Durchbrüche in den Händen eines einzigen Genies liegen, dann kann man sich auch leichter vorstellen, dass ein auserwählter „Querdenker“ ohne jegliche Verbindung zu der eigentlichen Materie gerade das Rätsel rund um eine weltweite Verschwörung geknackt hat.

 

 

  1. Der Wissenschafts-Rebell

 

Während geheime Tüftler*innen ihre Ergebnisse gar nicht erst öffentlich machen, gibt es dann auch jene, die von ignoranten und uneinsichtigen Fachkolleg*innen schlichtweg verschmäht werden. Trotz bester Beweise wird den Wissenschaftsrebell*innen nicht geglaubt, weil sie nicht dem Status und dem Weltbild der Forschungselite entsprechen. So bleibt den Filmhelden in „Ghostbusters“ (1984) (und den Filmheldinnen in “Ghostbusters”, 2016) nichts anderes übrig, als die Geisterbekämpfung mit klammen Mitteln selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Selbstbild dürfte sich auch Ken Jebsen wiederfinden, der meint von den etablierten Medien verdammt zu sein und gegen die große Verschwörung nun auf eigenen Beinen kämpfen zu müssen.

 

Solch verkannte, “alternative” Wissenschaft mag 1984 noch harmlos gewesen sein, falsch war sie aber damals schon. Denn sowohl Relativitätstheorie und Quantenmechanik haben Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur die Physik komplett auf den Kopf gestellt, sondern auch handfeste philosophische Probleme erzeugt. Dagegen wirken Geistererscheinungen so revolutionär wie ein neues Windows-Update. Dennoch sah sich die Forscher*innengemeinschaft gezwungen, die neuen Theorien zu akzeptieren – selbst wenn manche weiterhin damit fremdelten, wie bekanntlich Einstein mit der Quantenmechanik.

 

 

  1. Das Universalgenie

 

Seit wann er denn Experte in thermonuklearer Astrophysik sei, wird der Iron Man in “Avengers” gefragt. Seine Antwort: “Seit gestern Nacht.” Fachgebiete, die im echten Leben Menschen jahrzehntelang studieren, um an der Weltspitze mitreden zu können, frühstücken Genies in Filmen und Serien an einem lauschigen Abend weg. Da lässt man leicht außer Acht, dass all diese Gebiete derart spezialisiert sind, dass selbst die größten Köpfe in ihren jeweiligen Teilgebieten mit ihrem gesamten Lebenswerk nur kleine Schritte beitragen können.

 

Astrophysiker*innen haben meist nicht den leisesten Schimmer von Festkörperphysik, organische Chemiker nicht von physikalischer Chemie – und selbst wenn 100 Lungenfachärzt*innen etwas unterschreiben, heißt das nicht, dass die Lungenforschung damit übereinstimmt. Der Nobelpreisträger Linus Pauling hat nicht nur das Bild über den Aufbau der Moleküle entscheidend geprägt, er war auch Anhänger einer esoterischen, „orthomolekularen“ Medizin, die Krebs mit Vitamin C heilen möchte. Auch wenn das Kino uns weißmachen will, dass kluge Menschen in jeder Situation klug sind und Expert*innen der Naturwissenschaft jegliche Naturwissenschaft verstehen, ist die Realität viel komplexer. Deswegen ist es genauso irrsinnig, wenn als endgültiger Beweis für die vermeintliche Harmlosigkeit einer weltweiten Pandemie ein Hausarzt in Hinterdupfing zitiert wird.

 

 

  1. Der Menschenfeind

 

Klar, je klüger man ist, umso gemeiner darf man auch zu seiner Umwelt sein, richtig? In vielen Charakteren schlägt das Bild des exzentrischen Genies um zum Menschenfeind, ganz so als wären soziale Intelligenz und die kalte, harte Rationalität gegensätzlich. So darf Dr. House so gemein zu Mitarbeiter*innen und Patient*innen sein wie er will, weil er am Ende immer Recht behält. Untermauert wird das von den antisozialen Klischees, schließlich stellt man sich unter Wissenschaftler*innen meist kauzige Einzelgänger*innen vor, die am liebsten im Keller alleine gelassen werden wollen.

 

Das mag für manche YouTube-Expert*innen stimmen, die ihre Impfkritik aus dem Keller ihrer Eltern streamen – die meisten Wissenschaftsdisziplinen basieren jedoch auf intensiver Teamarbeit. So arbeiten etwa im Mekka der modernen Physik, dem CERN, sage und schreibe 3.400 Wissenschaftler*innen zusammen am Teilchenbeschleuniger. Die können sich nicht ständig aus dem Weg gehen. Gefundene Bierflaschen im Beschleuniger scheinen sogar zu belegen, dass sie hin und wieder Zeit miteinander verbringen.

 

 

  1. Der Menschenfeind ist auch arrogant

 

Der nächste Punkt schließt sich gleich daran an: Denn nicht nur darf das Film-Genie Menschen schlecht behandelt, es darf sich seiner Meinung derart sicher sein, dass alle Zweifel erblassen – ja, nicht einmal angehört werden müssen. Das steht derart im Gegensatz zu den wohlüberlegten und abwägenden Argumenten, die in der Wissenschaft üblich sind. Die Kritik der Fachkolleg*innen ist bei jeder Veröffentlichung Teil des Prozederes und eine feste Säule der Qualitätssicherung. In Stein gemeißelt und sicher sind dann nur jene Erkenntnisse, die Welle um Welle Kritik und Zweifel ausgehalten haben. Dann wiegen sie aber umso stärker (etwas, was Dieter Nuhr in Sachen Klimaforschung noch nicht so ganz verstanden hat).

 

So sind die abwägenden Argumente von Prof. Christian Drosten ein wohltuendes Gegenmittel zu all Jenen, die trotz minimaler Information meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und dies auch lautstark kundtun. Die BILD-Zeitung findet gar widersprüchliche Meinung zu seiner Studie und meint ihn damit überführt zu haben, zeigt allerdings einfach, dass sie die Wissenschaft nicht versteht oder verstehen will.

 

 

  1. Zack, fertig

 

Wenn Peter Parker entdeckt, dass er plötzlich Spinnenfähigkeiten besitzt, dann macht der 1er-Schüler noch fix eines: Er entwickelt einen Apparat, mit dem er Spinnennetze schießen kann (zumindest im Comic und der Filmreihe mit Andrew Garfield). Flexibel, ultra-dünn und sogar verschiedene Klebstufen, alles angepasst an seine Unterarme, entwickelt über Nacht in seinem Kinderzimmer.

 

Dabei scheint die Realität langsam die Fantasie einzuholen: Synthetische Stoffe basierend auf den einzigartigen Eigenschaften von Spinnenfäden sind tatsächlich in der Entwicklung und könnten irgendwann reale Anwendungen finden – vielleicht auch für maskierte Verbrechensbekämpfung. Allerding ist dies dann das Ergebnis von jahrelanger Forschung von Biolog*innen, Chemiker*innen und Ingenieur*innen, nicht von einer motivierten Nachtschicht. Klar, niemand will warten bis ein greiser Peter Parker nach jahrzehntelanger Entwicklung erst dann durch New York schwingen kann, wenn es sein Rücken eigentlich gar nicht mehr erlaubt. Dafür käme nach dieser Version von Spider Man niemand mehr auf die Idee, dass eine im Freundeskreis geteilte Umfrage neue Erkenntnisse der Virologie hervorbringt.

 

 

  1. Alles easy

 

Habe ich es schon erwähnt? Jedes Fachgebiet ist sackschwer und extrem kompliziert. Trotz aller Intelligenz muss ein*e jede*r sich jahrelang vor Büchern den Hintern wund sitzen, um noch irgendetwas zu der unglaublichen Fülle des aktuellen Wissens der Menschheit beitragen zu können.

 

Wer sich aber wie ein Superheld fühlen will, der kann sich einreden, dass man nach oberflächlicher Betrachtung schon komplett durchsteigt und im Prinzip von selbst z.B. Virolog*in wird. Das Ganze hat sogar einen Namen: der Dunning-Kruger-Effekt. Der besagt nämlich, dass man,  je weniger man weiß, umso selbstsicherer mit seinem vermeintlichen Wissen umgeht. Je mehr Neues man erfährt, umso brüchiger wird dann auch das Selbstbewusstsein. Also: Es lebe das Halbwissen!

 

 

 

Man muss ja zugeben: Ohne all diese Klischees wären die genannten Filme und Serien viel langweiliger und vielleicht hat all die Dramatik sogar manche für die Naturwissenschaften begeistert. Allerdings sieht man auch, warum viele nicht auf das Jahr 2020 vorbereitet waren, denn in den Medien wurde bislang kaum ein realistisches Bild davon vermittelt. Das ändert sich hoffentlich künftig dank einem guten Wissenschaftsjournalismus (wie etwa Mai Thi Nguyen-Kim) und Filmen und Serien, in denen Wissenschaft nicht nur als Plot-Werkzeug dient (etwa in „Der Marsianer“). Corona ist bald wieder vorbei und dann wird uns eine weitere Krise beschäftigen, in der wir eigentlich schon mitten drinstecken. Dann gerät hoffentlich bald die Klimaforschung in das Rampenlicht und wir wissen alle, wie wir damit umgehen sollten.

 


Michael Kick

Superheldenkorrespondent der Jusos Nordoberpfalz